Ella und der CA- Offizier

Oma Ella erzählte mir,
nachdem die Rote Armee auch in der Bergstadt Zschopau in Sachsen
– Einzug gehalten hatte, musste die Bevölkerung mit ständigen
Übergriffen der Soldaten nach Nahrungsmitteln rechnen.

Die Befreier, wie man sie nannte,durchsuchten die Wohnungen in regelmäßigen
Abständen. Da auch bei den Bürgern der Stadt die Lebensmittel
sehr knapp waren, mussten diese immer auf der Hut sein, dass keine
ungebetenen Gäste erschienen. Die Familie Otto und Ella Schöne,
die in der Thumerstraße wohnten, hatten nach langem einmal

ein Viertelpfund echten Bohnenkaffee erstanden.

Ella freute sich schon darauf, zum Nachmittag ihrem Mann Otto

damit zu überraschen.
Und wie Ella sich am häuslichen Herd damit zu schaffen machte,

um eine Kanne Bohnenkaffee aufzubrühen, sich der Bohnen-duft

in der ganzen Stube verbreitete, hätte es ein schöner Nachmittag

werden können.

Erika ihre jüngste Tochter, saß vor dem Fenster und hielt
nach dem Vater Ausschau, der ja bald erscheinen musste aus der
nahe gelegenen Arbeitsstelle einer Spinnerei.

Doch plötzlich hörte Erika, quietschende Autobremsen direkt vor
dem Treppenaufgang, der hoch zum Haus führte. Erregt sprang sie
von ihrem Stuhl auf, um genauer auf die Straße sehen zu können,
die teilweise von einem Obstbaum verdeckt wurde. Sie erkannte
das Zeichen -CA (Советская Армия), dieses hatte Erika schon

öfters gesehen!

Dann lief Erika zur Mutter und rief: “Die Russen kommen!”
“Was erzählst du da?” fragte die Mutter, ohne sich von ihrer

Arbeit ablenken zu lassen. Mach schnell Mutter!”, ihre Tochter

ließ ihr dabei keine Ruhe bis Ella selbst zum Fenster hin trat und

sich überzeugte.
Ein Stimmengewirr, das Ella nicht verstand, drang bis
hinauf in die Wohnung! So ein Auto stände immer vor dem Schul-

gebäude, berichtete Erika hastig.
Was die Russen bloß hier suchen?, fragte sich Ella.

Ella wusste vor lauter Aufregung nicht, was sie zuerst tun sollte.
Ihren Kaffee konnte Ella nicht mehr vor fremdem Zugriff retten,
das wurde ihr schnell bewusst.
Auch hörte sie schon schwere Soldatenstiefel die Holztreppe herauf
poltern, die zur schönen Wohnung führten.

Noch ehe sich Ella bewusst wurde, was um sie herum geschah,

standen ein Offizier und zwei Soldaten der -CA in der Stube.
Der Offizier verzog die Nasenflügel und sagte etwas in einer Sprache,

die Ella noch nie in ihrem Leben gehört hatte.

Achselzuckend stand sie vor dem Offizier, der einen
Blick auf ihren Herd geworfen hatte. Dieser wiederholte seine
Worte in einem gebrochenen Deutsch: “Kaffee!”

Ella nickte mit dem Kopf, auch standen ihr die Tränen nah.

Doch der Offizier lächelte vor sich hin, es kümmerte ihn nicht!

Warum auch.
” Wo du Kaffee?”, fragte dieser.

Ella zeigte auf den Topf, der direkt vor seiner Nase stand.
Der Offizier schob Ella mit seiner Körperfülle einfach beiseite,
bestaunte die Kanne und zog den Kaffee-duft genussvoll in sich
hinein. Einen Kaffeefilter hatte dieser wohl auch noch nie zu
Gesicht bekommen -ganz sachte mit dem Zeigefinger berührte er
den Kaffeefilter und grinste über sein ganzes breites Gesicht.
Ella ließ aber kein Auge von ihm ab, immer mit einem Blick auf
ihre Kaffeekanne! Sie fand die Sache schon etwas komisch.
Der Offizier nahm den Kaffeefilter vom Topf- und mit einer
Gebärde deutete er darauf hin, dass er einen Löffel und
Zucker haben wollte.

Ella beeilte sich, das Gewünschte zu beschaffen
und stellte alles vor den Offizier hin.
Was mag nun kommen?, fragte sie sich vor lauter Angst.
Weiterhin gespannt blickte sie dem folgenden zu, sie musste
ja, ob sie wollte oder nicht.
Der Offizier entnahm ganz vorsichtig die vor ihm stehenden

Zuckerdose, schüttete diesen auf den Kaffeesatz, verrührte

beides zusammen mit dem Löffel.
Danach schob er die Mischung in seinen Mund,
dabei blickte er auf seine untergebenen Begleiter.
Diese standen jedoch die ganze Zeit ohne sich zu rühren
auf ihrem Platz. “Guter Kaffee…!” sagte der Offizier,
strich sich dabei mit der linken Hand über den Bauch.
“ICH Kaffee essen, du Brühe trinken, charascho.”

Ella fiel ein Stein von Herzen, sie hörte nur dabei
heraus, dass sie ihren Bohnenkaffee selbst trinken
könnte.
Die drei Soldaten entfernten sich wieder, wie
sie gekommen waren, ohne auch nur noch einen weiteren
Kommentar von sich zu geben. Ella hörte nur noch ein:
“Doswidanja” zum Abschied, doch sie wusste mit diesem
Wort nichts anzufangen.

Erika war in der Zwischenzeit
auch wieder aufgetaucht, sie hatte sich auf dem Dachboden
hinter dem Schornstein versteckt gehalten. Leise sagte
sie zu der Mutter: “Wenn wir das dem Vater erzählen,
wird der aber Augen machen, stimmtes, Mutter?”
Ella hatte sich langsam von dieser Begegnung mit den
Russen erholt und lächelte nur vor sich hin, wusste
sie doch selbst, was Hunger bedeutet.
———
Meine Großmutter gew. Ella Schönefeld geb. Müller,
geboren 1901 in Zschopau/Sachsen. gestorben 1988.

Der Bananendollar

Eigentlich hatte ich nicht vor, meine Kanada – Dollarbanknoten
für nebensächliche oder gar für unnötige Dinge auszugeben.
Nur als mich mein Weg durch die breiten Asphaltstraßen der
Stadt Halifax führte, enteckte ich auf der gegenüberliegenden
Straßenseite einen Laden mit delikaten Südfrüchten!
Es dauerte einen Augenblick bis ich begriff, was das für mich bedeutete.

Für mich, einen Bürger der DDR, etwas ungewöhnliches was
ich ja nicht kannte. Schnell ging ich über die Straße, nicht dass
ich jetzt etwas kaufen wollte, für mich war es aber ein ganz
besonderer Anblick. Was ich dabei empfand, kann man nicht
in Worten ausdrücken, so überrascht war ich. Ich brauchte
schließlich eine ganze Weile, um meine Gefühle zu balancieren.

Als ich den Laden betrat, mich umsah und die Augen der
Verkäuferin  erblickte, wusste ich nicht, ob sie oder die
Früchte meinen Appetit anregten. Einen Moment stand ich
wie erstarrt vor ihr, die, nach ihrer Hautfarbe zu urteilen,
eine Afro-Kanadierin war.”Kann ich Ihnen behilflich sein?”
fragte sie. Ihr freundliches Lächeln, die engen Jeans,
das T-Shirt, darunter zeichneten sich Formen ab, schon ihr
Anblick machte mich kribblig.In meinen Adern begann das
Blut zu pulsieren! Niemals zuvor war mir eine Frau oder ein
Mädchen so aufregend erschienen. Ihre Körperform schien
wie ein Zauber auf mich zu ruhen. Beim Klang ihrer Stimme
spürte ich, wie die Wärme unter meiner Haut fuhr: ich hätte
nichts dagegen gehabt, ihre nähere Bekanntschaft zu machen,
wusste ich doch, dass es nie wieder so etwas geben würde.
Sie war mir gleich auf den ersten Blick sympathisch.

Vor Verlegenheit, griff ich in eine, meiner beiden Hosentaschen
und angelte Canada -Dollar Banknoten hervor.
Dabei zeigte ich auf die vor mir liegenden Bananen: ” Yes!”
– Schade, dachte ich,ich konnte mich nicht mit ihr unter-
halten, da ich nur wenige Worte der englischen Sprache be-
herrschte.Sie griff gleich nach einer Bananenstaude und
legte diese auf die Waage.Dabei trafen sich unsere beiden
Augenpaare und hielten sich für einen Augenblick fest.
Was für eine schmucke Frau, dachte ich, mir rutschte bei
ihren Blicken fast das Herz in die Hose. Sie war nur etwas
kleiner als ich selbst, es dauerte eine Weile, bis ich
mich wieder konzentrieren konnte. Als ich mich wieder
unter Kontrolle hatte, bemerkte ich, dass sie immer mehr Bananen auflegte.
“Ich möchte … Dollar”, verbesserte ich mich schnell.
Sie lächelte mich dabei schelmisch an:” Okay, Mister German!”Ich hatte den Eindruck,
dass sie von meiner Existenz wusste.

Es legte ja auch nicht jeden Tag im Hafen ein deutsches Schiff an.
Ihr bezauberndes Lächeln,die dunklen Augen, ich kann nicht sagen, wie mir zumute war.
Erriet sie etwa meine heimlichen Gedanken? Und immer wieder Ihre Blicke!

Was sollte ich mit so vielen Bananen anfangen?

Yes, Mister?”

– ich konnte nur mit dem Kopf nicken, da mein Sprachgut erschöpft war.
Wie gern hätte ich noch ein wenig mit ihr geplaudert, aber wie?
Ich befürchtete, sie verstand kein Wort von mir.
Sie nahm ein übergroße Einkaufstüte und schob die Bananen wohl behütet hinein.
Und wie sie dies tat!
Sie schaute mich dabei an und strich mit dem rechten Zeige-finger die Bananenformen nach,
dazu lächelte sie.

Mit einem Ruck richtete ich mich auf und holte tief Atem.
Verstand diese Frau mehr von der Liebe als ich, ich begriff
langsam, dass ich in verlorenen Hoffnungen fischte.

Es warf schon sonderbar, wie mich diese Frau verführte.Ungefähr in meinem Alter müsste sie auch sein.

Mir hatte es die Sprache verschlagen und das kam selten vor.

Sie hatte eine knackige Jugend zu bieten, mit all diesen schwarzen Ringellocken, den dunklen Augen und was
ich besonders mochte den Grübchen in den Wangen.

Jetzt kam die Sehnsucht nach dem Leben wieder in mir
auf, aber ich wusste auch, das ich wieder gehen musste.

Mit anderen Worten, es stand mehr auf dem Spiel, als
man sich denken konnte.

Ich musste dabei an die vielen Menschen denken, die wegen Republikflucht an der Berliner-mauer oder
im Gelben Elend zu Bautzen eingesperrt und für ihre Sehnsucht nach Freiheit, jahrelang gequält wurden.

Die DDR – Stasi hatte genug Spitzel und Einfluss auf andere
Regierungen, man musste damit rechnen, ausgeliefert zu werden.

Ich mit meiner großen Bananen-tüte. Sollte ich nicht lieber gehen?
Ich bedankte mich mit einem freundlichen: “Good bye, Miss” und
sie darauf zu meinem Erstaunen: “Auf wiedersehen, Mister German!”

Mit einem Seufzer schien sie noch etwas sagen zu wollen,
schüttelte aber nur ihrem Kopf und blickte wortlos zu mir auf.

Ich wusste, dass sie etwas in mir berührte, was ich bisher für
mich noch nicht so recht wahrgenommen hatte. Die Liebe, zu einer
Frau!” Bitter ist das Schicksal schon.
Ich musste etwas für mich tun,das habe ich inzwischen erkannt.
Wenn mich jetzt jemand sehen könnte, dachte ich so bei mir und
begab mich meines Weges zurück zum Schiff.Eine viertel Stunde
später ließ ich mich auf eine Bank nieder und genoss lebhaft Stück
für Stück deiner Bananen. Wenn ich mir vorstellte, dass ich in
meinem bisherigen Leben nur ein Drittel dieser Früchte zu Gesicht
bekommen hatte,die ich jetzt in dieser Tüte trug!

Der Staat, die DDR hatte für uns Bürger, kein Geld für Südfrüchte übrig.
Erst nach der Wendezeit! Erfuhren wir Bürger, wie gut unsere Regierung,
auf unseren Kosten in Wandlitz bei Berlin-Ost lebte – Sozialismus-
für die Elite.

Ich hätte ja auch in Kanada bleiben können :
-Ohne Mauer
-Flucht über Ostsee usw.
-Heimat ist Heimat!

116 Tage Labrador -See/Kanada

Nun war der Moment endlich gekommen wonach sich Dietmar Schön

seit Wochen bemüht hatte, unbedingt noch vor Heiligabend auf einem

Schiff anzumustern. Und dann war es soweit; ” Ist alles in Ordnung ?”

fragte er nochmals zurück. Der Herr mit dem rundlichen Gesicht

hinter dem schweren Schreibtisch nickte nur freundlich und schob

ihm einen Zettel zu, worauf gestanden stand “Heuerschein” für

Ros 316 ” Junge Welt. Jetzt habe ich es endgültig geschafft .

Dabei lächelte er und wandte sich nochmals mit leuchtenden Augen

dem Mitarbeiter zu, es geht über den Atlantik nach Labrador und

Neufundland ist oben in Kanada meinte er noch und griff zum

Telefonhörer. Eigentlich wollte Dietmar noch etwas fragen, aber

er war sich nicht sicher. ” Es ist alles in bester Ordnung, mein

Freund” , kam ihn dieser ihm aber zuvor.

” Nur ehe Du zum Schiff gehst, musst Du zum Seefahrtsamt, um

Dich in die Musterrolle des Schiffes eintragen lassen.

Deine erste Fahrt nach Kanada wohl!” meinte er noch mit einem

Lächeln.” Dann eine gute Reise, mein  Freund.” Der Fisch wartet

auf dich – mein erstes Schiff  eins von zwei der größten deutschen

Fischereischiffen.

Anfang 1992 wurde  es verkauft und verschrottet!

 

Ich war einer von diejenigen, die ” draußen waren.

 

Ehre sei Gott in der Höhe, denn er schuf die Meere damit nicht

jeder Lumpenhund mit denen die Erde so reichlich gesegnet

dem fröhlichen Seemann da draußen begegnet!

 

Zufällige Bekanntschaft

Wir liefen Island, die kleine Insel im Nordatlantik, an.
Als wir auf Reykjavik zusteuerten, stand ich als einziger der Besatzung an Deck.
Es faszinierte mich, wie greifbar nah die Hauptstadt des Inselstaates
vor mir lag.
Auch war es kein Hafen, wie ich ihn kannte.
Alles wirkte einfacher, übersichtlicher.
Von unserem Liegeplatz führte direkt eine Straße in die Stadt hinein.

Als ich so der Reling stand und auf die Stadt schaute, rief mich
vom Kai jemand an.
Eine Frau kam zum Schiff.
Hallo!
Kommen Sie aus Deutschland?, rief sie mir zu.
Ich war überrascht darüber, dass mich auf Island jemand auf Deutsch ansprach.
Was sollte ich ihr antworten!
Dass ich aus der DDR komme?
Konnte sie damit überhaupt etwas anfangen?
Sie kam mir jedoch zuvor.
Ich stamme auch aus Deutschland, Hamburg.
Kennen Sie Hamburg?
Ich nickte.
Was sollte ich ihr antworten!
Aber schon fragte sie weiter.
Sind Sie zum ersten Mal in Reykjavik?
Ja, ich bin zum ersten Mal hier, rief ich und zeigte dabei auf mich.
Langsam macht mir die Sache Spaß.
Neugierig geworden, fragte ich zurück:
Und Sie, wie kommen Sie hier her?
Mein Mann ist Isländer!
Ich lebe schon über 10 Jahre auf dieser Insel.
Die Frau gefiel mir, sie wirkte natürlich, doch was suchte sie hier im Hafen allein?
Ehe ich mir darüber im klaren war, machte sie mir einen Vorschlag:
Wissen Sie was?
Ich zeige Ihnen Reykjavik, wenn Sie Zeit haben …
Ich war überrascht.
Doch das Angebot schien verlockend.
Ich würde die isländische Hauptstadt kennen lernen wie kein anderer auf unserem Schiff.
Sie winkte mir zu.
Ich werde in einer Stunde etwa wieder kommen.
Passt Ihnen das?
Wenn es bis dahin Landgang gibt, können Sie mir Ihre Stadt zeigen.
Wir treffen uns hier am Kai wieder.
Sie stieg in ihr Auto und fuhr davon.
Ich sah ihr nach, bis sie in Reykjaviks Straßen verschwunden war.
Nun hatte ich es eilig unter Deck zu kommen,
Reykjavik wartete auf mich.