“ Zwischen den Zeilen „
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Es hat gedauert, bis ich gelernt habe, offen über Probleme zu sprechen. Zu lange vieleicht.
Fast ein halbes Leben lang habe ich meine Worte abgewogen
wie andere ihre Rationen: Vorsichtig, knapp,
immer mit einem Auge auf das, was man sagen durfte –
und auf das was man besser für sich behielt.
Ich hatte meine eigene Sprache.
Eine der Andeutungen, der kleinen Umwege, der Sätze,
die mehr meinten, als sie sagten.
Ich lernte zwischen den Zeilen zu schreiben,
und manchmal auch dort zu Atmen.
Heute muss ich das nicht mehr. und kann das sagen,
was ich denke, ohne den Satz vorher zu prüfen
wie ein Stück Tauwerk.
Aber ich merke: Mit jedem Text, den ich schreibe,
löst sich etwas in mir.
Mit jedem Wort, das ich nicht verstecke, wird es leichter.
Und Manchmal wenn ich gut drauf bin, schreibe ich
einfach geradeaus – sowie ich es früher nie gekonnt hätte.
Vieleicht ist dass das schönste am Älterwerden:
Man muss niemanden mehr etwas beweisen.
Man darf einfach erzählen.
Und wer zuhört. der hört nicht nur die Worte-
sondern auch die Jahre, die darin mitschwingen.
—–
Meine Bekannte
behauptet,
jeder Morgen beginnt mit einem
unsichtbaren Faden.
Zieht man sanft daran, werde der Tag freundlich.
ziehe man zu fest, verheddere er sich.
Heute Morgen hat sie nur kurz gezupft –
und plötzlich roch ihr Flur nach Kaffee
und leise Versprechen.
DS.BS.09.01. 2026